Gomera, San Sebastian 5 SM
Samstag, 27. März 2010
Ja liebe Leser, es gibt mal wieder ein paar Geschichten aus dem Alltag unseres Seglerlebens. Unsere Besucher (Tochter Sonja mit Freund Jörg und Sohn Marco) haben wir in Teneriffa Las Galettas abgeholt und sind zurückgesegelt nach Gomera. Mit einer Wanderung zu den Höhlenwohnungen in der Guanchenbucht, Angeln, Bummeln, Einkaufen, Strandbesuchen, einem Ausflug in den Naturpark Garajonay und nach Valle Gran Rey sind die sechs Tage auf Gomera sehr schnell vergangen. Ein Erlebnis aber wird in besonderer Erinnerung bleiben :
Unser Besuch macht sich im Beiboot auf den Weg in die nächste Bucht, die Guanchenbucht, die nur zu Fuß oder per Boot erreichbar ist. Zwei Hütten am Strand und ehemalige Höhlenwohnungen versprechen ein paar Stunden Robinsonfeeling. Angeln, Proviant, Getränke, Handtücher und Decken werden ins Dingi gepackt und los geht es aus dem Hafen heraus auf den Atlantik. Ich begebe mich derweil in den Supermarkt und kaufe fürs Abendessen ein, falls der Fischfang
nicht gelingt. Gerade wieder zurück am Hafen kommt mir mein Skipper schon entgegen - die Kinder sind gekentert, der Außenborder springt nicht mehr an und Sonja am Fuß verletzt - mehr wissen wir erst mal nicht und beschließen sofort abzulegen. Also Leinen los, völlig überhastet und ohne jegliche Vorbereitung. Wäsche hängt an der Reling und unter Deck ist ja auch alles auf Hafenbetrieb eingestellt. Ich sammle die Leinen ein, die zwei Stegnachbarn mir zuwerfen und mein Skipper legt den Rückwärtsgang ein. Da erst fällt ihm auf, daß wir ja unser Steuerrad im Cockpit abmontiert haben, um mit fünf Personen an Bord besser sitzen zu können. Ich höre ihn schreien, drehe mich um und sehe niemanden im Cockpit. Eine Schrecksekunde vergeht, ich rufe Walter zu, was passiert ist, zwei weitere Helfer eilen herbei und wir treiben steuerlos im Rückwärtsgang zwischen den engen Stegen. Ich lasse alle Leinen fallen, flitze ins Cockpit und schalte in den Leerlauf. Hans sucht nach den Schrauben für das Steuerrad, die aber durch die momentan andere Ordnung gerade nicht auffindbar sind. Nun haben wir zwar ein zweites Steuerrad ohne Gashebel im Decksalon, aber auch das ist gerade nicht montiert, da dort noch Kabel gelegt werden sollten. Aber wenigstens die Schrauben liegen parat und Hans schafft es gerade noch rechtzeitig das Rad anzubringen. Ich gebe oben an der Steuersäule Gas und nur wenige Zentimeter bleiben noch, bevor wir mit anderen Booten kollidieren. Unsere Helfer auf den anderen Booten drücken uns ab und halten Fender dazwischen. Der Skipper sieht unten nichts, weil die Wäsche noch hängt und fährt nach meiner Anweisung. Große Aufregung, Geschrei von allen Seiten, aber es geht alles gut, wir kommen heil aus dem Hafen, ich sammle die Wäsche ein und finde dann auch die Schrauben für das große Steuerrad. Soweit alles klar. Der Adrenalinspiegel sinkt wieder. Zwanzig Minuten später erreichen wir die Guanchenbucht und sehen unsere Kinder am Strand neben dem Dingi. Wir werfen den Anker etwa hundert Meter vom Strand entfernt, aber jetzt müssen die drei ja noch mal durch die auflaufenden Wellen. Das
Manöver gelingt im zweiten Anlauf und paddelnd erreichen die drei die Destiny.
Eine große Welle hatte das Dingi kurz vorm Strand kopfüber zum Kentern gebracht. Jörg wurde an den Strand geworfen und Marco und Sonja unter dem Boot begraben. Marco taucht unterm Boot weg, Sonja bleibt darunter und wird von Jörg vermisst, bis von ihr der Ruf kommt "ich bin unterm Boot". Die beiden Männer befreien sie dann, drehen das Beiboot um und ziehen es auf den Strand. Sonja hat sich am Fuß verletzt und blutet stark. Ein junger Norweger am Strand hat die Aktion beobachtet, eilt zu Hilfe und stellt sein Handy zur Verfügung. Zum Glück kennt Marco meine Handynummer auswendig und kann uns informieren. Die Sachen werden nach und nach angespült und wieder eingesammelt. Verluste: ein Tauchermesser, Badeschlappen, Jörgs Handy und Sonjas Digitalkamera defekt, natürlich alles nass und der Außenborder springt nicht mehr an. Aber die weitere Rettungsaktion gelingt ja dann und als wir wieder in den Hafen einlaufen mit einem vorbildlichen Anlegemanöver! meint Meggi dann "so
hast du doch mal wieder was in dein Tagebuch zu schreiben!" Bordarzt Walter besichtigt Sonjas Fuß – desinfizieren, Teebaumöl drauftropfen, verbinden, eine kleine Narbe wird bleiben. Etliche Stegnachbarn erkundigen sich, was alles passiert ist und berichten von eigenen Kentererlebnissen.
Dann folgt Spülen und Zerlegen des Außenborders – Glück gehabt, läuft wieder – und große Wäsche.
Unsere Aktion hat natürlich inzwischen die Runde im Seglerdorf gemacht und der "Skipper ohne Steuerrad" ist spätestens jetzt bekannt wie ein bunter Hund.
zu den Bildern März 2010
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