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Start Logbuch Kap Verden (April 2010) Atlantiküberfahrt I - April 2010

Atlantiküberfahrt I - April 2010

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Teneriffa - Kapverden Insel Sal
865 SM  238 Std.
Freitag, 9.4.10 -  Montag 18.4.10

Ein weiterer Meilenstein ist geschafft. Die Kapverden Insel Sal als Zwischenstopp auf der Atlantiküberquerung ist erreicht. Die kleine Inselgruppe 650 Km vor der Westspitze Afrikas mit ihren 15 Inseln (9 davon bewohnt) ist vulkanischen Ursprungs und hat 476000 Einwohner. Knapp ein Drittel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Die Bevölkerung besteht zu 70% aus Mulatten, der Rest sind Schwarze.

Freitag - Abfahrt

Safari CatPünktlich um 13.00 Uhr legen wir in Las Galletas, Teneriffa ab. Günther und sein Gast Lars begleiten uns auf dem Katamaran Safari Cat ein Stück hinaus auf die offene See. Die dabei entstandenen Fotos werden wir später per Email austauschen. Mit Kurs 220 Grad und zwei ausgebaumten Vorsegeln kommen wir mit drei Windstärken halbwegs voran. Es ist bedeckt. Gleichzeitig mit uns hat die "Double Moon" mit Mechthild, Walter und Karl-Heinz in Gomera abgelegt, etwa 25 Meilen weiter westlich. Wir sind gespannt, ob sich der Kontakt über Funk halten läßt. Ich habe brav meine Tabletten gegen Seekrankheit (Mobilium) genommen, aber am Spätnachmittag macht mir trotzdem eine ständige Übelkeit zu schaffen.

Samstag - erster Tag  Etmal 95,6 SM
zahmer AtlantikNoch einmal zur Erinnerung für die Nichtsegler - Etmal ist die in 24 Stunden gefahrene Strecke. Der Wind ist pünktlich um Mitternacht ausgeblieben und wir fahren bzw. rollen unter Motor hin und her. Waschmaschinenfeeling pur!!. Es ist bedeckt und der Tag vergeht mit Motor an, Motor aus, Segel setzen und Segel bergen. Ein absolut unbeständiger Wind macht uns das Leben schwer. Funkkontakt zur Double Moon, die steht jetzt 60 Meilen westlich, wir sind erstaunt über die Reichweite des Funkgerätes! Ich bin weiterhin seekrank und ein Migräneanfall mit anschließender Kreislaufschwäche kommt dazu. Der arme Skipper leistet die Arbeit von Zweien, ich sitze teilweise nur noch apathisch in meiner Ecke im Cockpit und wünsche mich irgendwo anders hin. Aber erfahrungsgemäß geht es am dritten Tag besser.

Sonntag - zweiter Tag
  Etmal 96 SM
müde SeeschwalbeHeute ist es sonnig. Alles wird besser. Bis mittags segeln wir unter Vollzeug (2 Vorsegel und Groß), dann bleibt der Wind wieder weg und der Jockel muß ran. Ereignisse des Tages: eine kleine Seeschwalbe ruht sich bei uns aus und hat sich den Nacken des Skippers als Landeplatz ausgesucht. Nach 10 Minuten fliegt sie weiter und hat noch nicht einmal einen Klecks auf dem TShirt hinterlassen. Kurze Zeit später sichten wir noch einen Schweinswal und der Wind kommt auch wieder. Mit bis zu sechs Knoten geht es voran, allerdings werden die Wellen auch höher und jede kleine Verrichtung unter Deck, wie spülen etc. ist äusserst mühsam aufgrund der Schräglage. Eine Hand immer an den Schlingerleisten, sonst landet man garantiert da, wo man gar nicht hin wollte. Eine Stelle meines Oberschenkels ist so blau, da steht schon Herd dran. Bereits dreimal bin ich immer an der gleichen Stelle auf die Feststellknöpfe des kardanisch aufgehängten Herdes gefallen. Zum Glück standen gerade keine Töpfe mit kochendem Inhalt drauf! Abends noch einen Migräneanfall, den ich aber sofort mit Triptanen bekämpfe.

Montag - dritter Tag  Etmal 99 SM
Ein Wohlfühltag, obwohl wir fast den ganzen Tag unter Motor laufen. Der Wetterbericht, den wir vor Abfahrt eingeholt haben, stimmt diesmal ziemlich genau. Immer zuwenig Wind, um unser Dickschiff mit 15 Tonnen zu bewegen. Ich starte eine Putzaktion und beseitige die Nachlässigkeiten der letzten Tage. Die Temperatur in der Kajüte beträgt jetzt 24 Grad, die afrikanische Sonne brennt vom Himmel. Ich nehme jetzt nur noch mein homöopathisches Mittel Cocculus gegen Seekrankheit, so langsam wachsen die Seebeine. Tagesereignis: zwei beringte BrieftaubenfütterungBrieftauben fliegen uns an, besetzen das Dach der Cockpitverkleidung und ruhen sich über vier Stunden bei uns aus. Wir versorgen sie mit Wasser und Futter, das Wasser trinken sie, aber unsere Brotkrumen werden nicht beachtet. Schon seltsam, wie so kleine unbedeutende Ereignisse mitten auf dem Meer an Bedeutung gewinnen. Als sie abfliegen, nicht ohne einige Kleckse hinterlassen zu haben, kommt auch der Wind zurück und wir können die Segel wieder setzen. Mit drei Knoten kommen wir dem Ziel nur langsam näher. Ich übernehme die komplette Nachtwache, um die ungerechte Arbeitsverteilung der letzten Tage wieder gut zu machen. Der Skipper freut sich. Die Nachtwachen verlaufen in etwa so: sitzen im Cockpit, alle halbe Stunde Rundumblick, ob irgendwelche Lichter auszumachen sind von anderen Schiffen. Blick auf den Kompass, das GPS Gerät , den Navigationscomputer und überprüfen der Segel, bzw. der Motoranzeigetafel. Zur Unterhaltung dienen die Sterne, das Rauschen der Wellen, das Beobachten von Sonnenauf- und untergang. Als zusätzliche Sicherheit haben wir uns ein AIS System geleistet - Automatisches Schiffs-Identifizierungs System, dient der Vermeidung von Kollisionen auf See, dem automatischen Informationsaustausch von Schiffen untereinander, ist weltweit standardisiert und für die Berufsschiffahrt vorgeschrieben. Die Schiffe sehen sich quasi gegenseitig und Informationen über Kurs, Geschwindigkeit, Funkrufzeichen etc. können abgerufen werden- Für uns war wichtig, daß wir von den dicken Pötten "gesehen" werden. In Verbindung mit der elektronischen Seekarte gibt uns dieses System einen deutlichen Gewinn an Sicherheit.

Dienstag - vierter Tag  Etmal 81 SM
DelphineEs wird täglich wärmer. Unter Deck wird es mit 30 Grad langsam ungemütlich, da wir wegen überkommenden Spritzwassers die Luken geschlossen halten müssen. Und wenn dann noch der Gasherd in Betrieb ist.... muss ich mir abends wirklich eine kurze Solardusche aus dem Beutel leisten. Mit 4 Knoten segeln wir unter Groß und Fock, können aber den angesagten Kurs von 220 Grad nicht mehr halten, sondern laufen momentan nur 170 Grad, da kommen wir in Dakar an. Zweimal täglich haben wir Funkkontakt zur Double Moon und vergleichen unsere Positionen. Wie an anderer Stelle schon einmal erwähnt "zwei Boote ergeben eine Regatta".
Sonstige Ereignisse: eine Delphinschule besucht uns heute und ein halber Liter von unserem selbstangesetzten anatolischen Kefir verteilt sich bei Schräglage in der Pantry, fließt in alle Schubladen und über die Bodenbretter in die Bilge.... was einen Wutanfall der Skipperin auslöst. Wenn ich dieses unbequeme Seglerleben nicht selbst gewählt hätte, würde ich jetzt meine Koffer packen und mich an die nächste Bushaltestelle begeben!!!!

Mittwoch - fünfter Tag  Etmal 92 SM
Laufen unter Vollzeug mit Wind aus West, die Sonne scheint. Ein guter Tag. Die Double Moon gibt über Funk durch, daß sie uns auf dem AIS sieht, wir sind nur 10 Meilen auseinander. Leider funktioniert der AIS Sender der Double Moon nicht, sonst könnten wir sie jetzt auch sehen. Die erste Schiffsbegegnung heute - ein Frachter läuft am Horizont lang. Gegen 20.00 Uhr ist der Wind wieder weg und der Motor muß ran.

Donnerstag - sechster Tag
  Etmal 96 SM
Erst mittags kommt wieder ein wenig Wind auf. Wo bleibt der beständige Nord-Ost Passat? Der Tank ist zwar voll, aber nur der Wind ist umsonst. Na, wir geben mal die Hoffnung nicht auf. Ein große Delphinschule von über 100 Tieren begleitet uns eine Stunde lang. Immer wieder schön! Der Skipper hat noch einmal den Versuch gemacht einige Photos zu schießen. Mal sehen, ob etwas dabei ist.

Freitag - siebter Tag  Etmal 87 SM
Die ganze Nacht wieder unter Motor gelaufen, hoffentlich haben wir diese Zone bald hinter uns. Zum Frühstück können wir den Krach und Geruch nicht mehr ertragen und beschließen uns treiben zu lassen. Dann kann die Double Moon, die wegen Motorproblemen zurückgefallen ist, uns wieder einholen. Wir dümpeln in der nur leichten Dünung, meilenweit vom nächsten Land entfernt auf einer Ozeantiefe von fast 4000 Metern. Rundherum nur blaues Wasser und ein rot-weißes 12 m Segelboot, das hat doch was!! Mittags sehen wir eine grüne Insel etwa 200 Metern entfernt im Wasser treiben. Wir sind neugierig, werfen den Motor an und fahren Befreiungsaktionnäher heran. Ein Fischernetz mit einer darin gefangenen Meeresschildkröte! Sofort startet die Befreiungsaktion. zunächst beratschlagen wir, wie wir vorgehen. Der Skipper will ins Wasser springen, bewaffnet mit einem Messer - damit bin ich aber nicht einverstanden. Dann versuchen wir, das etwa 70 cm große Tier mit den beiden Bootshaken an Bord zu ziehen, ein sinnloses Unterfangen, die wiegt mindestens 50 Kilo und das riesige Netz hängt ja auch noch dran. Erst einmal fixieren wir das Netz an der Mittelklampe, dann kommt mir die Idee mit der Badeleiter, also seitlich anhängen, Hans klettert mit einem Seitenschneider in der Hand hinunter und ich ziehe das Netz mit der Kröte heran. Die taucht erstmal ab so weit es geht und wir warten, bis sie zum Atmen wieder hoch kommen muss. Das dauert nicht allzu lang und es gelingt mir das Tier zu fixieren, so daß Hans von der Leiter aus an sie herankommt. Schwierig ist die Stelle am Hals, das Tier wehrt sich natürlich, faucht und  kräftige Kiefer hat es ja auch - also nicht zu nah kommen. Die Aktion gelingt, ein Netzquadrat nach dem anderen wird durchgeschnitten, noch ein Ruck, alles los und sie taucht ab in die Tiefe ohne sich zu bedanken! Sie wusste wohl nicht, daß wir gar keine Schildkrötensuppe mögen! In den früheren Seefahrerzeiten hat man diese schönen Tiere als Lebendproviant mitgenommen, auf den Rücken gedreht und monatelang leiden lassen. Grauenhafte Vorstellung!
Fischernetz am HakenWas machen wir jetzt mit dem Fischernetz? Wenn wir es einfach treiben lassen, hat es dann vielleicht jemand in der Schraube. Ausserdem sieht es noch neuwertig aus und ein Fischer auf den Kapverden wäre vielleicht froh über so ein Geschenk. Also an die Winschen Und hoch damit. Wir versuchen es fast eine Stunde lang, aber mit unseren einfachen Winschen bekommen wir das schwere Netz nicht hoch, es ist so ineinander verdrillt, daß auch die Methode Hand über Hand nicht funktioniert. Wir geben auf und warnen die Double Moon über Funk.
Um 16.00 Uhr erscheinen unsere Freunde am Horizont, laufen auf uns zu (die Technik macht es möglich durch die genauen GPS Daten) und so gibt es ein Wiedersehen mitten auf dem Atlantik. Die Nebelhörner tuten und Photos werde geschossen. Da könnte man ja fast zum Kaffetrinken übersteigen! Bei wenig Wind setzen auch wir wieder die Segel und für eine Weile laufen wir gleichauf.

Samstag - achter Tag  Etmal 60 SM
Der ersehnte NO Passat setzt ein! Zwar nur schwach, aber wir setzen wieder den ausgebaumten Schmetterling, die Inseln kommen langsam näher. Ansonsten ereignisloser Tag, nur der Skipper versenkt seine Brille auf 4000 m Tiefe... es gibt da ja so Bänder!

Sonntag - neunter Tag  Etmal 81 SM
Passatsegeln mit leichtem Wind. Der reparierte Generator rappelt auf dem Achterdeck um die Batterien zu laden, die Sonne scheint und ich backe Brot für uns und die Double Moon. Um 18.00 Uhr, nach 815 SM und 221 Stunden kommt der Ruf "Land in Sicht. Jetzt noch ca. 35 SM bis zum Ankerplatz Palmeira auf Sal.

Montag - zehnter Tag  Etmal 87 SM
Während meiner Nachtwache habe ich einem blinden Passagier den Garaus gemacht. Eine Kakerlake flitzt am Spülbecken vorbei und beendet ihr Leben unter meinem Daumen. Wenn man eine sieht - hat man zehn, heißt es. Also muß ich jetzt nur noch die restlichen "neun" finden! Dabei haben wir immer so aufgepasst - Schuhe ausgezogen, Obst und Gemüse abgespült, Einkaufsrolli draußen die "Double Moon"gelassen... aber diese netten Insekten schaffen es immer irgendwie. Ein gutes Rezept dagegen soll sein: Borsäure mit gezuckerter Kondensmilch.
Wir sind zu früh dran, um im Hellen einzulaufen, reduzieren die Segel bis nur noch ein Rest von der Fock steht. Trotzdem machen wir immer noch an die 4 Knoten. Jetzt kurz vorm Anlegen kommt der Wind, den wir uns die ganze Zeit gewünscht haben.
Wir kreuzen vor der Westküste, bis es hell wird und siehe da, die Double Moon kommt in Sicht und so laufen wir gemeinsam ins Ankerfeld ein. Um 10.30 UTC fällt der Anker in 50 m Entfernung von der Double Moon.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 23. November 2017 um 17:15 Uhr