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Start Logbuch Karibik Atlantiküberfahrt - drei Wochen nur Wasser

Atlantiküberfahrt - drei Wochen nur Wasser

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Atlantiküberfahrt Kapverden Sao Nicolau - Martinique Karibik  2236 SM (4092 km)

Montag, 3.Mai 2010 - Samstag, 22.Mai 2010

Um 18.00 Uhr geht es Anker auf. Luftlinie 2160 SM bis an die Südspitze von St Anne auf Martinique. Unsere bisher längste Strecke ohne Landfall. Die Aktion Wasser fassen morgens am Kai in Tarrafal ist problemlos abgelaufen. Zuerst die Double Moon, dann wir. Die rumstehenden Jugendlichen helfen mit und während das Wasser läuft, machen Meggi und ich in der sogenannten Fisch- und Markthalle bei den vier kapverdischen Marktfrauen die letzten Einkäufe. Grüne Bananen und Bootboys Braendine und Kenedygrüne Tomaten, Kartoffeln, Süßkartoffeln und Zwiebeln. Unsere Bootsjungen Kennedy und Braendine sind da und ich hole die beiden zum Abschied an Bord. Jeder bekommt noch ein TShirt, einen Schreibblock und einen Kugelschreiber. Die beiden posieren dann für ein Photo am Kai. Für die Blöcke und Kugelschreiber geht nochmals vielen Dank an die Hellmänner, die das schwere Paket bei ihrem Besuch auf Teneriffa mitgeschleppt haben. So ist die PROVINZIAL jetzt auch auf den Kapverden vertreten!
Bei Trans Ocean Leiter Henny machen wir einen kurzen Abschiedsbesuch, versenden noch einige Emails, trinken mit zwei netten französischen Pensionsgästen ein Glas Wein und dann geht es los.

erste Woche
Inzwischen haben wir unseren Rythmus gefunden. Die ersten drei Tage geht es mir trotz Scopoderm Pflaster und Tabletten nicht gut. Übelkeit, rasende Kopfschmerzen, allgemeine Schwäche - sehr unangenehm. Am Freitag der erste Wohlfühltag. Pött und Pann haben sich eingeschaukelt, wir gehen und stehen Wolkenformationenimmer breitbeinig, alle Systeme funktionieren. Unsere Butterflybesegelung steht gut, mit zwei ausgebaumten Vorsegeln haben wir ca. 112 qm Segelfläche, Kurs 265 Grad, Wind ONO mit 2-4 Windstärken. Rundherum nur blaues Wasser, Sonne, gelegentlich etwas bewölkt, Temperaturen 25-30 Grad. Wellenberge laufen hinterm Heck auf, schieben uns voran und gehen unter uns durch. Die höchste bisher gemessene Geschwindigkeit, wenn wir den Wellenberg runtersurfen und vom Verdränger zum Gleiter werden, ist 11,3 Knoten! Ein tolles Gefühl.
Ereignisse : nur eine Schiffsbegegnung, ein Frachter kreuzt nachts unseren Kurs. Vier fliegende Fische beenden ihr Leben auf dem Deck - warum die immer nachts landen, wo wir sie tagsüber zu Hunderten springen sehen?
Zur Double Moon ist der Funkkontakt nach drei Tagen abgerissen. Die haben ihre normale Besegelung mit Groß und Fock stehen und laufen deshalb einen anderen Kurs und kreuzen, nördlicher von uns.
Wir fühlen uns wohl in unserer einsamen Zweisamkeit. Der Tag vergeht schnell -   Französischkenntnisse auffrischen, lesen, dösen, Wellen und Wolken beobachten, abwechselnd Wache gehen, Angelversuche, kleine Reparaturen, kochen, Brot backen, Haushalt ....
Etmale 79 (17,5 Std) 83,2  129  122  119  128  120 Seemeilen

zweite Woche
Ende der zweiten Woche sehnen wir so langsam den Landfall herbei. Frisches Obst und Gemüse ist aus, jetzt geht es ans Eingemachte. Das Leben an Bord ist einfach sehr unbequem bei dieser Schaukelei. Selbst nachts ist man immer in Bewegung, rollt von links nach rechts und wieder zurück. Die Geräuschkulisse ist vielfältig, alles knarrt und ächzt, in den Schränken klappert immer irgendetwas, aber inzwischen haben wir den Versuch alles abzustellen aufgegeben. Der Skipper hat ja generell einen guten Schlaf und ich nehme halt in der Freiwache die Ohrenstöpsel. Irgendwelche kleineren Sachen passieren auch täglich - das Spülwasser schwappt bei einer besonders großen Welle einmal links, einmal rechts über den Beckenrand und verteilt sich in der Pantry - ich verliere das Gleichgewicht, als ich gerade dem Skipper seine Abendmahlzeit ins Cockpit hochreichen will, Kartoffeln, Bohnen und Mett verteilen sich auf den Polstern und dem Fußboden - die Doppelkoje in der Achterkajüte ist bereits zweimal durch eine hereinschwappende Welle nass geworden (das Bullauge bleibt jetzt zu!) - Hans verschüttet frisch aufgebrühten Kaffee und verbrennt sich den Oberschenkel, seinen Allerwertesten und die Hand.....etc. Diese "kleinen Sachen" regen mich oft mehr auf, wie die größeren - das war am Samstag die zerfetzte Genua. Nachts um 4.45 ein ungewohntes Geräusch, ein lauter Knall und das große Vorsegel hat Vorsegel gerisseneinen Riss. Das Aufwickeln auf die Rollfock funktioniert nicht richtig, das Segel zerfetzt sich immer weiter. Hans bemüht sich zwei Stunden auf dem schwankenden Bugspriet, aber bei der Dunkelheit nur mit dem Dampferlicht ist das alles sehr schwierig. Im Hellen geht es weiter - Segel abschlagen, an der Reling auftuchen und einwickeln. Es wird Mittag bis wir fertig sind. Jetzt steht nur noch das kleinere Vorsegel mit 55 qm, aber auch damit machen wir noch 5 Knoten und das geht ja. Unsere Ersatzsegel haben wir bei meinen Eltern auf dem Dachboden eingelagert - da liegen sie gut!!
Wettermäßig hatten wir diese Woche drei Tage etwas regnerisches Wetter. Einige schwarze Wolken am Horizont brachten ein paar mal für wenige Minuten einen Schauer - nicht mal genug um die Salzkruste vom Schiff zu waschen. Gut, daß wir uns nicht eingeseift hatten zum Regenduschen, das hätte zum Abspülen nicht gereicht.
Begegnungen - wieder nur ein Frachter nachts und einige Möwen begleiten uns.
Temperaturen unter Deck: morgens schon 30 Grad, nach dem Brotbacken gefühlte 50!!. Mir ist eigentlich immer zu warm, bin gespannt, wie ich das in der Karibik aushalte. Hans findet es gerade erst angenehm!
Etmale  113  120  137  144  135  129  120  Seemeilen

dritte Woche
....mal etwas zum Thema Männer!! Ich backe zwei Brote, einmal das vom Skipper gewünschte Weißbrot und ein Experimentierbrot. Letzte Woche habe ich Röstzwiebeln und Kräuter genommen, war lecker. Jetzt versuche ich es mal mit zwei Brotsortengeraspelten frischen Kartoffeln (drei mittelgroße auf 500 g Mehl, nach dem ersten Gehenlassen untergemischt) und Kräutern. Kommentar vom Skipper "Das wird doch nichts, das wird klatschig!" Ofenfrisch und warm kommt das Experiment mit einer Pilzcremesuppe dazu abends auf den Tisch. Und was passiert - das halbe Kartoffelbrot ist dann aufgefuttert und das Weißbrot bleibt stehen!! Ohne Worte!!
Unsere Besegelung sieht sehr kümmerlich aus. Die Reste der zerfetzten Genua hängen am Vorstag. Heute nehmen wir die Fock auf die Backbordseite und setzen die kleine Sturmfock steuerbord dazu. Hört sich einfach an, ist aber ein ziemlicher Arbeitseinsatz, weil die Fock ausgebaumt gefahren wird. Der Skipper hat noch Rückenschmerzen vom Einsatz mit dem gerissenen Segel, aber gemeinsam geht es. Immerhin neun qm mehr an Segelfläche und vielleicht ein halber Knoten mehr an Geschwindigkeit!
Und so sieht unser Nachtleben! aus - um 22.00 Uhr UTC (entspricht 19.00 Uhr in Martinique) geht die Sonne unter. Ich gehe in die Freiwache, keile mich mit zwei Seitenschläferkissen ein und versuche zu schlafen. Es wird eher ein Ruhen, bis ich dann um 2.00 Uhr die Wache übernehme. Wir gehen meistens im vier Stunden Rhythmus Wache. Kurze Lagebesprechung, der Skipper verschwindet auf seine Koje im Salon und schon zwei Minuten später hört man ihn friedlich schnarchen. Ich koche erstmal eine Tasse Milchreis mit Zimt und Rohrzucker und frische damit meine Lebensgeister wieder auf. Der Mond beleuchtet heute mal die Szenerie und der Windpilot steuert genau darauf zu. Das Mondlicht reflektiert sich auf dem Atlantik und alle Sternenbilder sind klar zu erkennen. Der Wind ist angenehm unsere Datenautobahnwarm, die Cockpitverkleidung ist offen. Alle zwanzig Minuten folgt der Rundumblick, Kontrolle von AIS, Kurs, Windrichtung und Segelstellung.
Solche Nächte kann man wirklich geniessen! Seit mehr als zwei Wochen sind wir jetzt ohne Kontakte zur Außenwelt und noch über tausend Kilometer vom nächsten Land entfernt. Viel Zeit über sich und die Welt nachzudenken und reduziert aufs Wesentliche. Das ist eine Rückkehr zur Einfachheit und zu grundsätzlichen Werten. Auch das ist die Freiheit unter Segeln - die Stille zu entdecken und dem Leben mit der Natur einen neuen Stellenwert zu geben, ein anderes Zeitgefühl zu entwickeln.
Um 17.45 UTC fällt der Anker vor St. Anne auf Martinique. Im Ankerfeld mit ca. 50 anderen Yachten vor der schönen grünen Insel. Wir stoßen an auf die geglückte Überfahrt mit Bier und Rose. Die Wassertemperatur beträgt 31,5 Grad und zum erstenmal seit unserer Abreise gehe ich ins Wasser und schwimme um das  Boot (unter Aufsicht des Skippers).
Heute gibt es zum Abendessen Karibiksuppe aus unserem Einmachvorrat, das paßt doch!
Die Double Moon können wir noch nicht erreichen, hoffen, daß sie morgen eintreffen!

Etmale  119  103  113  106  100  Seemeilen

 

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 10. September 2010 um 23:33 Uhr